Klopfzeichen
Drei Schläge. Warten. Drei Schläge. In einem Leipziger Plattenbau lässt das Haus eines Nachts niemanden mehr hinaus.
Drei Schläge. Warten. Drei Schläge.
Leipzig-Grünau, Oktober 2001. Ein Plattenbau am Wendehammer, sechzehn Stockwerke, von 132 Wohnungen stehen 126 leer. Der Abriss ist beschlossen. Aber das Haus weiß, warum die letzten sechs Mieter noch da sind.
Thomas Brenner, vierter Stock, Lagerarbeiter, lebt allein in einer Wohnung ohne Bilder. Zwei Paar Schuhe stehen ordentlich an der Wand, der Platz daneben leer. Als es eines Abends an seiner Tür klopft und niemand im Flur steht, nimmt er den Schlüssel und geht hinunter.
Im dritten Stock, an dem er jeden Tag vorbeigeht ohne hinzusehen, steht eine Wohnungstür offen. Kinderjacken an der Garderobe. Ein gepackter Koffer griffbereit. Am Ende des Gangs eine geschlossene Tür.
In dieser Nacht lässt das Haus niemanden mehr hinaus. Die Treppe dreht sich in einer Schleife, die Fenster zeigen nur Nebel, die Telefone haben keinen Empfang. Vier Menschen, die einander kaum kennen, sitzen fest - und begreifen langsam, dass jeder von ihnen schon einmal vor einer Tür gestanden hat, hinter der jemand klopfte.
Keiner hatte geöffnet.
Drei Schläge. Warten. Drei Schläge. In einem Leipziger Plattenbau lässt das Haus eines Nachts niemanden mehr hinaus.
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